Im Kaukasus kommt der Kurzfangsperber bis auf 1.000 m NNvor; ausnahmsweise wurde er bis in 2.000 m Höhe in Armenien beobachtet. Das ist die lapidare Aussage im Handbook of the Birds of the World – Volume 2 im Band „New World Vultures to Guineafowl“ von Josep del Hoyo, Andrew Elliott, Jordi Sargatal, die auch im birdsoftheworld.org (https://birdsoftheworld.org/bow/species/levspa1/cur/introduction) wiederholt wird.
Umso erstaunlicher war es für bird-lens.com bei einem 3-wöchigen Trip Ende August/ Anfang September in das weitere Umfeld der Küstenberge der türkischen Schwarzmeerküste in mindestens der Hälfte der Fälle von Sperber-Sichtungen keinen „gemeinen“ Sperber (Accipiter nisus), sondern einen Kurzfangsperber (Accipiter brevipes) zu beobachten. Die Beobachtungen wurden u.a. in der Gegend um Sivrikaya im pontischen Gebirge der Provinz ostanatolischen Provinz Rize und in der kargen Bergwelt rund um Erzurum im Palandöken-Gebirge gemacht.
Beide Gebiete weisen Höhen von über 3.000m NN auf. Kurzfangsperber wurden bis in Höhe von gut 2.500 m NN gesichtet.
Wie ist das zu erklären?
Zum einen dürfte der Mangel an Vogelbeobachtern in der Gegend und die offensichtliche Möglichkeit der Verwechslung mit seinem Artgenossen, dem „normalen“ Sperber, ein Grund für die Informationsdefizite sein.
In der wissenschaftlichen Arbeit „Migration and non-breeding season movements of satellite-tracked Levant Sparrowhawk Accipiter brevipes“ beschreiben die Autoren ihre Arbeit an vier jungen Kurzfangsperbern, die von ihren Nestern im Süden Armeniens per Satellit in die Winterquartiere verfolgt wurden. Das mittlere Abreisedatum aus den Sommergebieten war der 30. August. Im Herbst zogen die Vögel nach Afrika entlang der Ost- und Westküste des Roten Meeres. Ein Vogel wurde in zwei Jahren zu seinem Überwinterungsgebiet in Tansania verfolgt. Diese Studie bot die ersten Details des gesamten Migrationszyklus eines Individuums dieser Art und seiner Bewegungen während der Nichtbrutzeit.
Die Autoren beschreiben, daß sich im Spätsommer (8. bis 15. August) zumindest ein Kurzfangsperber konsequent nach Nordwesten bewegte, dann fünf Tage lang an einem Ort etwa 200 km vom Nest entfernt bliebt, bevor er eine südwestliche Richtung einnahm und zu einem Berggebiet im Nordirak flog, wo er am 27. August ankam. Es blieb im Grenzgebiet zwischen dem Irak und der Türkei, bevor es am 15. September einen weiteren Flug nach Westen einleitete. Auch der andere Vogel zog im Sonner zunächst von seinem Geburtsort weg; allerdings nach Süden und blieb bis zum 3. September in einem Gebiet im Nordiran, von wo er seinen eigentlichen Zug begann. Auch dieser Vogel nahm im Herbst eine westliche Richtung (allerdings deutlich weiter südlich, nach Syrien), wandte sich dann nach Süden und zog durch den Libanon, Jordanien, Israel nach Ägypten, dann weiter durch den Sudan, den Südsudan und Uganda. Der Vogel kam dann am Mitte November in Tansania an, wo es überwinterte.
Diese Erkenntnisse wiederrum passen ganz gut zu den o.a. Beobachtungen in den östlichsten Gebirgen der Türkei. Es waren durch die Bank Jungvögel, die von bird-lens.com gesichtet wurden. Insgesamt wurden an 4 Tagen 5 Individuen beobachtet. U.a. am Yedigöllen und am Paß des Ovit Dağı. Einmal waren es drei Individuen, die entlang der Straße nach Sivrikaya am frühen Morgen auf einer Leitung (s. Foto des Blogs) sassen. Ziehend wurden die Vögel nicht beobachtet. Es sollte intensiver untersucht werden, ob Kurzfangsperber im Spätsommer nicht doch ein reguläres, zwischenzeitlich genutztes Rastgebiet haben, bevor sie dann gen Süden in die Winterquartiere fliegen.
In der recherchierten Literatur gibt es zu einem regulären Zwischen-Rastgebiet des Kurzfangsperbers in der Nord-Ost Türkei keine Hinweise. Die meisten Autoren haben den Text aus dem Handbook of the Birds of the World – Volume 2 übernommen oder lassen diesen Teil der Artbeschreibung ganz weg. Auch die Aussagen zur Habitatnutzung, nämlich, daß der Vogel bewaldete Ebenen, insbesondere in Flusseinzugsgebieten und dort oft in Auwäldern und auch in Obstgärten und Buschwerk präferiert, sollte zumindest kritisch untersucht werden. Mit dem im Handbook of the Birds of the World angesprochenen Gebirgsausläufern und Berghängen kann das pontische Gebirge allein aufgrund der Höhenlage ja wohl nicht gemeint sein.
Die beeindruckenste Sichtung war die eines dunkel wirkender Greifes mit kräftiger Streifung auf der Unterseite. Die Iris war dunkel und paßte definitiv nicht zu einem normalen Sperber (Accipiter nisus). Die Sitzhaltung erinnerte eher an einen kräftigeren Falken. Der immature Kurzfangsperber saß trotz des in wenigen Metern neben ihm stehenden Autos, entspannt aufrecht auf einem Felsvorsprung. Dann duckte er sich, kotet im hohen Bogen hinter sich und fliegt mit hoch erhobenen Schwingen vom Ansitz hoch und anschließend mit tiefem Flügelschlag davon.
Der Kurzfangsperber ist ein kleiner Greifvogel, der in Südosteuropa brütet (z. B. in Montenegro, Albanien, Griechenland, Rumänien, Bulgarien, Ukraine, Russland) bis hin nach West-Zentralasien (z. Iran, Westkasachstan und Usbekistan). Es ist bekannt, daß die Vögel über die eurasisch-ostafrikanische Flugroute in die Überwinterungsgebiete meist in der östlichen Sahelzone Afrikas (z. B. Sudan, Südsudan und Nordkenia. Die gesamte Bestand wurde – anhand von Brutsichtungen – bis vor kurzer Zeit als eher klein (nur 10 000–20.000 Individduen) aber stabil eingeschätzt. Wie das mit den gut 40.000 Exemplaren zusammenpaßt, die über Israel, dem Jordantal und Eilat, ziehen, war immer wieder Gegenstand heftiger Debatten. Die Zugleistungen der Vögel sind eindrucksvoll. Die Mindestflugstrecke des Herbstzuges 2013 betrug bei einem Vogel 6.674 km und wurde in 58 Tagen bewältigt.
Die Gegend um Sivrikaya in den Pontic Mountains ist bei Vogelbeobachtern wohlbekannt, da dort am einfachsten zwei heiß begehrte Vögel, nämlich das Kaspikönigshuhn (Tetraogallus caspius) und Kaukasusbirkhuhn (Tetrao mlokosiewiczi) relativ einfach zu beobachten sind.
In der Nähe verlief einst eine historische Seidenstraßenquerung über den Ovit-Paß in den Kaçkar-Bergen. Dieser einzigartige, gebirgige Teil der türkischen Schwarzmeerküste weist neben der wunderschönnen Natur einem Mangel an großen Hotels und lauten Menschenmassen auf.
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